Warum das Düngen bei Cannabis so oft schiefgeht
Cannabis ist eine schnell wachsende, hungrige Kulturpflanze, aber keine, die dauerhaft hohe Nährstoffmengen einfach wegsteckt. Genau hier passieren in der Praxis die meisten Fehler: Viele Grower verwechseln kräftiges Düngen mit gutem Düngen. In unserer Erfahrung entstehen die größten Probleme nicht durch zu wenig Ehrgeiz, sondern durch zu viel Aktionismus. Wer bei jedem Gießen Dünger erhöht, mehrere Booster kombiniert und dabei weder pH noch EC kontrolliert, produziert fast zwangsläufig Salzstress, Nährstoffblockaden oder unausgewogene Pflanzenentwicklung.
Ein weiterer Punkt: Düngung funktioniert nie isoliert. Sie hängt immer mit Substrat, Bewässerung, Wurzelgesundheit, Temperatur, Lichtintensität und Genetik zusammen. Eine Pflanze unter schwacher Beleuchtung kann hohe EC-Werte viel schlechter verarbeiten als dieselbe Sorte unter starker LED mit sauberem Klima. Deshalb ist Düngen immer Steuerung im Gesamtsystem. Wenn du tiefer in die Wechselwirkung von Wasser und Nährstoffaufnahme einsteigen willst, lohnt sich auch unser Beitrag zu Cannabis richtig gießen.
Besonders häufig sehen wir das Missverständnis, dass gelbe Blätter automatisch mehr Dünger bedeuten. Das ist gefährlich, weil Vergilbung genauso gut auf pH-Probleme, Staunässe, Wurzelschäden oder natürliche Alterung in der späten Blüte hinweisen kann. Wer Symptome nur „überdüngt“, verschärft oft die eigentliche Ursache. Gute Düngung beginnt deshalb nicht mit der Flasche, sondern mit sauberer Beobachtung.
Gerade bei Stecklingen und jungen Pflanzen ist Zurückhaltung wichtiger als Kraft. Frisch bewurzelte Pflanzen haben noch kein großes Wurzelsystem und reagieren empfindlich auf hohe Salzkonzentrationen. Wer hier zu früh zu stark füttert, bremst das Wachstum oft für Tage oder sogar Wochen aus. In der Praxis ist es fast immer einfacher, eine leicht unterversorgte Pflanze schrittweise anzuheben, als eine verbrannte Wurzelzone wieder zu reparieren. Deshalb ist ein ruhiger, messbarer Ansatz beim Düngen langfristig deutlich erfolgreicher als das ständige Nachjustieren nach Gefühl.
Auch die Genetik spielt eine größere Rolle, als viele Anfänger denken. Manche Sorten sind echte Fresser, andere bleiben auch bei moderaten Werten kompakt und gesund. Besonders bei Premium Cannabis Stecklingen sieht man oft, wie unterschiedlich einzelne Linien auf dieselbe Nährlösung reagieren. Deshalb sollte man nie davon ausgehen, dass ein Schema für alle Pflanzen gleich gut funktioniert. Die Pflanze gibt dir über Blattfarbe, Wuchsform und Blattstellung sehr klare Hinweise, wenn man sie lesen kann.
Welche Nährstoffe Cannabis wirklich braucht
Die Basis bilden die Makronährstoffe Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K). Stickstoff treibt Blattmasse, Triebwachstum und Chlorophyllbildung an. In der Wachstumsphase ist er der wichtigste Motor für eine satte, vitale Pflanze. Phosphor spielt eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel, in der Wurzelentwicklung und später in der Blütenbildung. Kalium reguliert Wasserhaushalt, Enzymaktivität, Zellstabilität und ist entscheidend für Stressresistenz sowie Blütendichte.
Dazu kommen die sekundären Nährstoffe Calcium, Magnesium und Schwefel. Calcium wird oft unterschätzt, ist aber für stabile Zellwände, Wurzelspitzen und junge Gewebe essenziell. Gerade unter LED und in weichem Wasser sehen wir regelmäßig Calcium-Themen. Magnesium sitzt im Zentrum des Chlorophylls und ist damit direkt für Photosyntheseleistung verantwortlich. Schwefel wird für Aminosäuren und Stoffwechselprozesse gebraucht. Fehlt einer dieser Bausteine, bringt auch ein hoher NPK-Wert wenig.
Dann gibt es noch Spurenelemente wie Eisen, Mangan, Zink, Bor, Kupfer und Molybdän. Sie werden nur in kleinen Mengen benötigt, sind aber unverzichtbar. Ein klassisches Beispiel: Eisenmangel zeigt sich an hellen neuen Trieben, obwohl genug Hauptdünger im Topf ist. In solchen Fällen liegt die Ursache oft nicht in zu wenig Futter, sondern in einem pH-Bereich, der die Aufnahme blockiert. Wer die Zusammenhänge von Mangelbildern besser verstehen will, findet ergänzend hilfreiche Details zu Calciummangel bei Cannabispflanzen.
In der Praxis ist nicht nur die Menge einzelner Nährstoffe wichtig, sondern auch ihr Verhältnis zueinander. Zu viel Stickstoff kann die Aufnahme von Kalium und Calcium indirekt stören, während ein übertriebener PK-Booster die Balance im Wurzelraum verschiebt. Viele Probleme entstehen nicht durch einen absoluten Mangel, sondern durch ein Ungleichgewicht. Deshalb ist ein vollständiger, ausgewogener Dünger oft besser als das Sammeln einzelner Spezialprodukte, die am Ende mehr Chaos als Nutzen bringen.
Nährstoffbedarf nach Phase: Wachstum, Vorblüte und Blüte
In der Keimlings- und frühen Jungpflanzenphase braucht Cannabis nur sehr wenig Dünger. Frische Sämlinge und bewurzelte Stecklinge reagieren empfindlich auf hohe Salzkonzentrationen. In unserer Erfahrung reicht in den ersten 7 bis 14 Tagen oft ein sehr milder EC von etwa 0,4 bis 0,8 inklusive Ausgangswasser, je nach Substrat und Pflanzengesundheit. In vorgedüngter Erde ist häufig sogar gar kein zusätzlicher Dünger nötig. Wer hier zu früh „anschiebt“, verbrennt Wurzeln, verlangsamt die Entwicklung und provoziert dunkelgrüne, clawing-artige Blätter.
In der Wachstumsphase steigt der Bedarf an Stickstoff, Calcium und Magnesium deutlich. Jetzt baut die Pflanze Blattfläche, Seitentriebe und Wurzelmasse auf. Typische EC-Bereiche liegen grob bei 0,8 bis 1,4 in Erde und 1,0 bis 1,6 in Coco oder Hydro, immer abhängig von Lichtstärke, Klima und Sorte. Breite, indica-lastige Pflanzen fressen oft anders als sehr schnell wachsende, sativa-dominante Linien. Deshalb sind starre Schemata nur ein Startpunkt, nie ein Gesetz.
Mit Beginn der Vorblüte verschiebt sich der Bedarf langsam. Stickstoff bleibt wichtig, sollte aber nicht mehr dominant sein. Zu viel N in dieser Phase führt oft zu übermäßigem Blattwachstum, weichen Trieben und einer unnötig verzögerten Blütenentwicklung. In der Hauptblüte steigen Kalium- und Phosphorbedarf, während Stickstoff moderater gefahren wird. Das bedeutet nicht, Stickstoff komplett zu streichen. Ein zu harter Cut erzeugt frühes Vergilben, schwache Photosynthese und verschenktes Ertragspotenzial. Mehr zur Einordnung der Zeitpunkte findest du in unserem Artikel zur Cannabis Blütephase.
Ein guter Praxiswert ist, die Pflanze in jeder Phase nach ihrem tatsächlichen Verbrauch zu beurteilen. Ein kompakter, langsam wachsender Phänotyp braucht oft deutlich weniger als ein stark streckender, lichtintensiv geführter Strain. Auch die Topfgröße spielt eine Rolle: Kleine Töpfe reagieren schneller auf Überdüngung, weil sich Salze dort schneller anreichern. Große Töpfe puffern mehr, können aber bei falscher Bewässerung ebenfalls kippen. Deshalb sollte man Düngung immer mit dem realen Wachstumstempo und dem Wurzelraum abgleichen.
Erde, Coco, Steinwolle und Living Soil: Warum das Substrat die Düngestrategie bestimmt
Wer in Erde anbaut, arbeitet meist mit dem größten Puffer. Gute Erde kann Nährstoffe speichern, pH-Schwankungen etwas abfedern und verzeiht Anfängerfehler eher als inert wirkende Systeme. Das macht Erde beliebt, aber auch trügerisch: Viele Grower düngen nach Schema, obwohl das Substrat noch genug Reserven hat. Das Ergebnis sind schleichende Salzansammlungen und ein Wurzelraum, der zunehmend schlechter arbeitet.
Coco verhält sich anders. Es ist luftiger, schneller und direkter, aber auch anspruchsvoller. Weil Coco selbst kaum nennenswerte Nährstoffreserven mitbringt, muss die Versorgung konstanter erfolgen. Gleichzeitig bindet es Calcium und Magnesium stärker als klassische Erde. Genau deshalb sehen wir in Coco besonders oft CalMag-Probleme, wenn nur ein Standarddünger ohne Anpassung verwendet wird. In sauber geführten Coco-Grows wird fast immer mit jedem Gießen eine leichte bis mittlere Nährlösung gegeben, dafür sehr kontrolliert.
Steinwolle und andere hydroponische Systeme reagieren noch unmittelbarer. Hier entscheidet die Zusammensetzung der Nährlösung fast direkt über die Wurzelzone. Kleine Fehler bei pH, EC oder Bewässerungsfrequenz zeigen sich schnell. Living Soil wiederum ist ein Sonderfall: Dort düngst du nicht primär die Pflanze, sondern das Bodenleben. Das verlangt ein anderes Denken, denn Mikrobiologie, organische Umsetzungsrate und Wasserführung sind wichtiger als starre Milliliter-pro-Liter-Schemata. Einen guten Überblick zu den Unterschieden bietet auch Die besten Substrate für Cannabis.
In Erde ist die Gefahr oft nicht der akute Mangel, sondern die schleichende Überversorgung. Weil das Substrat Nährstoffe speichern kann, sehen Pflanzen zunächst noch gut aus, obwohl sich im Hintergrund bereits Salze ansammeln. Wenn dann gegossen wird, steigt der Druck im Wurzelraum weiter. Bei Coco ist es umgekehrt: Hier zeigen sich Fehler schneller, aber auch Korrekturen greifen schneller. Wer diese Unterschiede versteht, kann viel gezielter arbeiten und vermeidet unnötige Experimente.
pH und EC: Die zwei Messwerte, die Ernten retten
Wenn wir nur zwei Dinge nennen dürften, die beim Düngen wirklich Pflicht sind, wären es pH und EC. Der pH-Wert steuert, welche Nährstoffe in der Wurzelzone überhaupt verfügbar sind. Liegt er außerhalb des sinnvollen Bereichs, kann eine Pflanze Mängel zeigen, obwohl genug Dünger vorhanden ist. Für Erde liegt ein praxistauglicher Bereich meist bei etwa pH 6,2 bis 6,7, für Coco und Hydro eher bei 5,7 bis 6,2. Kleine Schwankungen sind normal, aber dauerhaft falsche Werte führen fast immer zu Problemen.
Der EC-Wert zeigt die Salzkonzentration der Nährlösung. Er ist kein perfektes Maß für „gute Ernährung“, aber ein sehr nützliches Kontrollinstrument. Ein steigender Drain-EC bei gleichzeitig nachlassender Pflanzengesundheit ist oft ein Warnsignal für Überdüngung oder Salzaufbau im Substrat. Ein sehr niedriger Drain-EC bei blassen Pflanzen kann dagegen auf Unterversorgung hinweisen. Wichtig ist: EC immer im Kontext lesen. Temperatur, Verdunstung, Topfgröße und Gießrhythmus beeinflussen die Zahlen enorm.
Ein typischer Fehler ist das blinde Vertrauen auf Herstellerangaben. Viele Schemata sind aggressiver formuliert, als es für die meisten Homegrows sinnvoll ist. Wir fahren neue Sorten oft zunächst mit 60 bis 75 Prozent des Schemas und erhöhen nur, wenn die Pflanze sichtbar mehr verlangt. Wer tiefer in Leitfähigkeit, Messmethoden und Interpretationen einsteigen möchte, findet mehr dazu unter Cannabis-Anbau: EC und PPM im Detail verstehen.
| Bereich | Erde | Coco/Hydro | Praxis-Hinweis |
|---|---|---|---|
| pH-Wert | 6,2–6,7 | 5,7–6,2 | Außerhalb dieser Bereiche drohen Aufnahmestörungen |
| Jungpflanzen-EC | 0,4–0,8 | 0,4–0,8 | Bei vorgedüngter Erde oft noch niedriger |
| Wachstums-EC | 0,8–1,4 | 1,0–1,6 | Unter starker LED eher oberes Ende möglich |
| Blüte-EC | 1,2–1,8 | 1,4–2,0 | Sortenabhängig, nicht blind ausreizen |
So erkennst du Überdüngung, Unterdüngung und Nährstoffblockaden
Überdüngung zeigt sich oft früher, als viele denken. Die klassischen verbrannten Blattspitzen sind nur das erste Warnsignal. Dazu kommen sehr dunkles Laub, nach unten krallende Blätter, stockendes Wachstum und ein insgesamt „hartes“ Pflanzenbild. In schweren Fällen kippt das Klima in der Wurzelzone: Osmotischer Stress erschwert die Wasseraufnahme, obwohl genug Feuchtigkeit vorhanden ist. Die Pflanze wirkt dann paradox trocken und übersättigt zugleich.
Unterdüngung sieht anders aus. Die Pflanzen bleiben heller, wachsen langsamer und bauen weniger Blattmasse auf. Ein Stickstoffmangel beginnt meist an älteren Blättern mit gleichmäßiger Aufhellung. Kaliumprobleme zeigen sich eher an Blatträndern und in der Stressresistenz, während Magnesium häufig interkostale Chlorosen an älteren Blättern verursacht. Entscheidend ist immer, wo das Symptom zuerst auftritt: alte Blätter, neue Triebe, Spitzen oder Ränder. Daraus lässt sich viel ableiten.
Nährstoffblockaden werden am häufigsten falsch interpretiert. Sie entstehen oft durch falschen pH, zu hohe Salzwerte, nasse Wurzelzonen oder ein unausgewogenes Verhältnis einzelner Elemente. Ein Beispiel aus der Praxis: Wer sehr viel Kalium- oder PK-Booster gibt, kann Calcium- und Magnesiumaufnahme verschlechtern. Dann sehen die Pflanzen nach Mangel aus, obwohl eigentlich zu viel gefüttert wurde. In solchen Fällen hilft selten noch mehr Dünger. Sinnvoller sind Messung, Spülung bei starkem Salzaufbau und anschließend ein sauberer Neustart mit moderater Nährlösung.
Ein hilfreicher Praxischeck ist die Kombination aus Blattbild, Topfgewicht und Drainwerten. Wenn die Blätter hängen, der Topf noch schwer ist und der EC im Drain hoch ausfällt, ist Überversorgung oder Sauerstoffmangel wahrscheinlicher als Durst. Wenn die Pflanze hell wird, schnell trocknet und der Drain sehr niedrig bleibt, spricht das eher für Unterversorgung. Diese drei Signale zusammen sind deutlich aussagekräftiger als ein einzelnes Symptom.
Organisch oder mineralisch düngen: Was in der Praxis besser funktioniert
Mineralische Dünger wirken schnell, präzise und berechenbar. Die Nährstoffe liegen in direkt verfügbarer Form vor, was besonders in Coco, Steinwolle und leistungsorientierten Indoor-Grows Vorteile bringt. Wenn eine Pflanze mehr braucht, reagiert sie oft innerhalb weniger Tage auf Korrekturen. Der Nachteil: Fehler schlagen ebenfalls schnell durch. Wer zu hoch dosiert, sieht die Quittung meist rasch.
Organische Dünger arbeiten langsamer und sind stärker vom Bodenleben abhängig. In gut aufgebauter Erde können sie ein sehr stabiles, aromafreundliches System schaffen. Wir haben oft beobachtet, dass organisch geführte Pflanzen etwas toleranter auf kleinere Schwankungen reagieren und ein ruhigeres Gesamtbild zeigen. Allerdings ist organische Düngung kein Freifahrtschein. Wenn die Umsetzungsrate im Substrat wegen Kälte, Staunässe oder schwacher Mikrobiologie nicht passt, entstehen ebenfalls Mängel oder Verzögerungen.
Welche Methode besser ist, hängt vom Ziel ab. Wer maximale Steuerbarkeit und schnelle Reaktion möchte, fährt mit mineralisch oft leichter. Wer in Erde mit Fokus auf Bodenbiologie, Geschmack und einem etwas natürlicheren Puffer arbeiten will, kann organisch sehr erfolgreich sein. Problematisch wird es meist beim unkontrollierten Mischbetrieb: mehrere organische Produkte plus mineralische Booster plus Additive ohne klares Konzept. Dann verliert man schnell die Übersicht, was wirklich im Wurzelraum passiert.
In der Praxis ist es sinnvoll, sich für ein System zu entscheiden und dieses konsequent zu lernen. Viele Probleme entstehen nicht, weil ein Dünger schlecht ist, sondern weil zu viele Produkte gleichzeitig eingesetzt werden. Wer ein mineralisches Schema fährt, sollte die Nährstoffkonzentration, den pH und den Drain sauber kontrollieren. Wer organisch arbeitet, sollte auf Substratqualität, Mikrobenaktivität und gleichmäßige Feuchte achten. Mischformen funktionieren nur dann gut, wenn man genau versteht, warum man sie kombiniert.
Düngeplan aus der Praxis: lieber steigern als überladen
Ein belastbarer Düngeplan beginnt immer konservativ. Bei Jungpflanzen und frisch bewurzelten Stecklingen starten wir mild und beobachten Blattfarbe, Internodienabstand, Turgor und Wurzelentwicklung. Erst wenn die Pflanze aktiv wächst und das Substrat gut durchwurzelt ist, erhöhen wir schrittweise. In Erde bedeutet das oft: erst Wasser, dann leichte Nährlösung, dann bei Bedarf steigern. In Coco eher: von Anfang an eine schwache, vollständige Nährlösung, aber mit sauberem Drain.
Ein häufiger Anfängerfehler ist das starre Füttern nach Kalender. Besser ist es, nach Pflanzensignal und Topfverhalten zu arbeiten. Wenn der Topf lange nass bleibt, die Blätter schwer wirken und das Wachstum stockt, liegt das Problem oft nicht im Dünger, sondern in zu wenig Sauerstoff an der Wurzel. Wenn die Pflanze dagegen innerhalb von 24 Stunden deutlich Wasser zieht, sattgrün bleibt und kräftig schiebt, kann eine leichte Erhöhung sinnvoll sein. Düngung ist also immer auch eine Reaktion auf Transpiration und Stoffwechseltempo.
In der späten Blüte sollte man nicht mehr versuchen, mit Gewalt fehlende Masse hineinzudüngen. Was bis dahin nicht aufgebaut wurde, lässt sich in den letzten zwei Wochen kaum noch retten. Dann geht es eher darum, die Pflanze stabil auszureifen, ohne unnötigen Salzstress zu erzeugen. Übertriebene Booster-Gaben kurz vor der Ernte verbessern weder Aroma noch Qualität. Häufig verschlechtern sie das Abreifeverhalten sogar.
- Woche 1–2 nach Bewurzelung/Keimung: sehr milde Nährlösung oder in vorgedüngter Erde nur Wasser
- Frühe Vegetation: Stickstoffbetont, aber moderat; Calcium und Magnesium im Blick behalten
- Späte Vegetation: Nährstoffstärke nur erhöhen, wenn Licht, Klima und Wurzelmasse mitziehen
- Stretch/Vorblüte: Stickstoff nicht abrupt senken, Kalium langsam anheben
- Hauptblüte: ausgewogene Blütedüngung, Booster nur gezielt und nicht als Dauerlösung
- Späte Blüte: keine hektischen Korrekturen, Fokus auf saubere Ausreife
Typische Fehler beim Cannabis düngen und wie du sie vermeidest
Der erste große Fehler ist Überreaktion. Ein einzelnes helles Blatt ist noch kein Notfall. Gerade ältere Fächerblätter dürfen im Verlauf des Zyklus altern. Wer bei jedem kleinen Symptom sofort nachkorrigiert, erzeugt ein ständiges Auf und Ab im Wurzelraum. Pflanzen mögen Stabilität. Kleine, saubere Anpassungen sind fast immer besser als radikale Sprünge.
Der zweite Fehler ist das Ignorieren des Ausgangswassers. Hartes Leitungswasser bringt oft bereits Calcium und Magnesium mit, manchmal aber auch zu viel Hydrogencarbonat, was den pH nach oben drückt. Sehr weiches oder per Osmose gefiltertes Wasser braucht fast immer eine gezielte Remineralisierung. Ohne Kenntnis der Wasserwerte ist jede Düngestrategie nur halb blind. In unserer Erfahrung lohnt sich eine Wasseranalyse deutlich mehr als der Kauf des nächsten Additivs.
Der dritte Fehler ist zu wenig Dokumentation. Wer nicht notiert, mit welchem EC, pH und Gießvolumen gearbeitet wurde, kann Probleme später kaum sauber zurückverfolgen. Gute Grower verlassen sich nicht nur auf Bauchgefühl. Sie kombinieren Erfahrung mit Daten. Genau dadurch erkennt man Muster: welche Sorte viel Calcium zieht, welche Genetik auf hohe EC-Werte empfindlich reagiert oder in welchem Topfsetup Salz schneller aufbaut. Wenn du weitere Stolperfallen im Gesamtanbau vermeiden willst, hilft auch unser Beitrag zu häufigen Fehlern beim Anbau von Cannabispflanzen.
Ein weiterer Klassiker ist das Mischen zu vieler Produkte ohne klare Reihenfolge. Manche Dünger fallen aus, wenn sie direkt zusammen in konzentrierter Form gemischt werden. Andere Additive verändern den pH oder verstärken die Salzlast stärker als gedacht. Deshalb sollte man Nährstoffe immer in der empfohlenen Reihenfolge ansetzen und die Lösung vor dem Gießen noch einmal kontrollieren. Das klingt banal, verhindert aber erstaunlich viele Probleme.
Wann Spülen sinnvoll ist und wann nicht
Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie das Spülen. Aus der Praxis lässt sich sagen: Eine Spülung ist vor allem dann sinnvoll, wenn das Substrat deutlich versalzen ist, der Drain-EC stark erhöht liegt oder eine akute Nährstoffblockade vermutet wird. Dann kann ein kontrolliertes Durchspülen helfen, überschüssige Salze aus dem Wurzelraum zu entfernen und wieder einen steuerbaren Ausgangspunkt herzustellen. Wichtig ist danach aber immer ein geordneter Wiederaufbau mit passender, nicht zu starker Nährlösung.
Weniger sinnvoll ist das reflexhafte Spülen bei jedem Problem oder als starres Ritual am Ende jeder Blüte. In Erde kann exzessives Spülen die Bodenbiologie stören und die Pflanze unnötig stressen. In Coco oder Hydro ist das Vorgehen technisch einfacher, aber auch dort nicht automatisch nötig. Entscheidend ist, ob es ein messbares Problem gibt. Wenn die Pflanze sauber ausreift, der Drain stimmt und keine Überdüngung vorliegt, bringt blindes Spülen oft keinen Vorteil.
Gerade vor der Ernte gilt: Qualität entsteht vor allem durch gesunde Pflanzenführung über den gesamten Zyklus, nicht durch einen dramatischen Endspurt mit Wasser allein. Wer die Nährstoffversorgung in den Wochen davor sauber steuert, muss am Ende selten „retten“.
Wenn du mit Stecklingen arbeitest, ist ein kontrollierter Nährstoffwechsel besonders wichtig. Frisch ankommende Pflanzen sollten erst stabil anwachsen, bevor man die volle Düngung anzieht. Dazu passt unser Leitfaden zu Cannabis Stecklinge erfolgreich anbauen, weil dort die Übergänge von Ankunft, Anwurzelung und Vegetation sauber erklärt werden. Genau in dieser Phase werden die Weichen für die spätere Nährstoffaufnahme gestellt.
Quellen
- Royal Queen Seeds – „The Cannabis Nutrient Guide: Nitrogen, Phosphorus, and Potassium“, 2024
- Cervantes, Jorge – „Marijuana Horticulture: The Indoor/Outdoor Medical Grower’s Bible“, 2015
- University of California Agriculture and Natural Resources – „Plant Nutrient Management in Container Systems“, 2021
- Bugbee, Bruce – „Cannabis Nutrition and Fertility Management“, 2021